Ich wollte eigentlich nur meine zweite Podcastfolge aufnehmen. Dann habe ich angefangen, darüber nachzudenken, wie andere Podcasts gestartet sind. Wie viele Hörer sie am Anfang hatten. Wie professionell ihre erste Folge war. Wie schnell sie gewachsen sind.
Und plötzlich war ich mitten in etwas, das ich eigentlich gar nicht wollte: Ich habe mich verglichen.
Ausgerechnet bei einem Projekt, das ich gerade erst gestartet hatte und bei dem ich mir vorgenommen hatte, einfach auszuprobieren und mein eigenes Ding zu machen.
Und genau deshalb wurde daraus das Thema meiner zweiten Folge: Warum vergleichen wir uns eigentlich ständig mit anderen?
Der Vergleich beginnt manchmal ganz harmlos
Vergleichen ist nicht immer offensichtlich.
Manchmal ist es nur ein kurzer Gedanke:
- Die hat schon so viele Follower.
- Der hat mit 27 schon sein eigenes Unternehmen.
- Die sieht aber toll aus.
- Warum ist die schon so weit und ich noch nicht?
- Was mache ich eigentlich falsch?
Und plötzlich wird aus Inspiration ein Maßstab.
Ich glaube, genau das ist das Problem. Wir schauen uns andere Menschen an und nehmen ihr Leben als Messlatte für unser eigenes. Dabei wissen wir meistens überhaupt nicht, von welchem Startpunkt diese Menschen losgelaufen sind.
Social Media ist eine riesige Vergleichsmaschine
Natürlich gab es Vergleiche auch schon vor Instagram. Aber Social Media hat das Ganze auf eine völlig neue Ebene gehoben.
Früher hast du dich vielleicht mit den Menschen in deinem Umfeld verglichen. Heute kannst du dich innerhalb von fünf Minuten mit Menschen aus der ganzen Welt vergleichen.
Mit Menschen, die zehn Jahre älter sind. Mit Menschen, die zehn Millionen Euro mehr verdienen. Mit Menschen, die einen komplett anderen Körper haben. Mit Menschen, die scheinbar permanent reisen. Mit Menschen, die mit 25 ihr Unternehmen gegründet haben und mit 27 schon das dritte verkaufen.
Und das Verrückte daran: Wir vergleichen unser echtes Leben mit deren kuratierter Außenansicht.
Auf Instagram sehen wir die Urlaubsbilder – nicht den Streit davor. Den Karrieresprung – nicht die Jahre voller Unsicherheit. Das perfekte Outfit – nicht die fünfzig Fotos, die davor gelöscht wurden. Die Wohnung – nicht die finanziellen Sorgen dahinter.
Und manchmal wissen wir selbst bei Menschen, die wir persönlich kennen, viel weniger, als wir glauben.
Auch LinkedIn kann eine Vergleichsfalle sein
Ich habe darüber schon in der ersten Podcastfolge gesprochen: LinkedIn ist für mich ein besonders interessantes Beispiel. Denn dort wird nicht unbedingt das perfekte Privatleben gezeigt. Dort wird das perfekte Berufsleben gezeigt. Menschen feiern Beförderungen, neue Jobs, Gründungen, Erfolge und Meilensteine.
Und natürlich freue ich mich grundsätzlich für Menschen, die etwas erreichen. Aber wenn ich gerade selbst an einem Punkt stehe, an dem ich mich frage, wo ich eigentlich hinwill, kann es ziemlich schnell passieren, dass ich denke: Warum sind die schon so weit und ich gurke hier noch herum?
Dabei habe ich keine Ahnung, wie deren Weg aussah.
Vielleicht hatten sie andere Voraussetzungen. Vielleicht ein finanziell abgesichertes Elternhaus. Vielleicht ein großes Netzwerk. Vielleicht Unterstützung, die ich nicht hatte. Vielleicht hatten sie einfach andere Prioritäten. Und vielleicht haben sie auch überhaupt nicht das Leben, das ich gerne hätte.
Wir kennen die Startbedingungen anderer Menschen nicht
Ein Gedanke, der mir dabei besonders wichtig ist: Nicht jeder Mensch startet am gleichen Punkt.
Das klingt eigentlich offensichtlich. Trotzdem vergessen wir es ständig.
Meine Masterarbeit hat mich unter anderem mit dem Thema Erstakademiker:innen beschäftigt – also Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren.
Dabei wird sehr deutlich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sein können.
Manche Menschen werden während des Studiums finanziell unterstützt. Andere müssen nebenbei arbeiten. Manche haben Eltern, die ihnen erklären können, wie das Hochschulsystem funktioniert. Andere müssen sich alles selbst zusammensuchen. Manche haben über ihre Familie bereits Kontakte zu Unternehmen. Andere müssen sich ihr Netzwerk erst aufbauen.
Und trotzdem schauen wir am Ende auf den Lebenslauf und vergleichen die Ergebnisse.
- Wer hat schneller studiert?
- Wer hat früher einen guten Job bekommen?
- Wer wurde schneller befördert?
Dabei sehen wir nicht, wie unterschiedlich die Ausgangslage war.
Das gilt nicht nur für Studium und Karriere.
Es gilt für eigentlich alles: Finanzen. Gesundheit. Beziehungen. Familie. Körper. Mentale Gesundheit. Wohnsituation. Und ja, auch für Social Media.
Dein Tempo muss nicht das Tempo anderer sein
Ich glaube deshalb immer mehr daran, dass wir unser eigenes Tempo finden müssen.
Vielleicht werde ich später befördert als jemand anderes. Na und? Vielleicht brauche ich länger, um herauszufinden, was ich beruflich machen möchte. Vielleicht. Vielleicht ändere ich meine Meinung noch fünfmal. Vielleicht habe ich mit 30 nicht das Leben, das ich mir mit 20 vorgestellt habe.
Das macht mein Leben nicht weniger wertvoll. Denn wenn ich mit meinem Leben zufrieden bin, warum sollte es dann eine Rolle spielen, ob jemand anderes schneller war?
Schneller ist nicht automatisch besser.
Und „weiter“ ist ohnehin eine ziemlich merkwürdige Kategorie. Weiter wohin eigentlich?
Der einzige Vergleich, der wirklich fair ist
Wenn ich mich überhaupt vergleichen möchte, dann am liebsten mit einer Person: mit meinem früheren Ich.
Denn diese Person hatte zumindest dieselben Ausgangsbedingungen wie ich.
Natürlich verändert sich auch das Leben. Und auch dieser Vergleich ist nicht immer sinnvoll. Aber manchmal hilft er.
Ich kann mich fragen:
- Was kann ich heute, was ich früher nicht konnte?
- Was habe ich gelernt?
- Was habe ich mich getraut?
- Welche Dinge, von denen ich früher geträumt habe, sind heute völlig normal für mich?
Und manchmal ist die Antwort darauf überraschend. Denn wir vergessen ziemlich schnell, wie weit wir eigentlich gekommen sind.
Wir sehen immer nur das nächste Ziel. Den nächsten Job. Die nächste Wohnung. Die nächste Zahl auf dem Konto. Die nächste Reise. Die nächste Beziehung. Die nächste Version von uns selbst.
Und dabei übersehen wir, dass wir längst nicht mehr dort stehen, wo wir einmal angefangen haben.
Aber auch der Vergleich mit dem früheren Ich ist nicht immer fair
Und natürlich wäre es zu einfach zu sagen: „Vergleiche dich einfach mit deinem früheren Ich und alles ist gut.“ So funktioniert es natürlich auch nicht.
Gerade beim Thema Körper merke ich das. Ich kann alte Fotos von mir anschauen und feststellen, dass ich damals deutlich schlanker war. Und trotzdem habe ich mich damals dick gefühlt.
Das ist im Nachhinein ziemlich absurd. Mein Körper war anders – aber mein Blick auf ihn offenbar nicht.
Und genau deshalb kann auch der Blick zurück kompliziert sein. Nicht jede frühere Version von uns muss ein Ziel sein. Manchmal ist sie einfach nur eine frühere Version von uns.
Wir sehen immer nur einen Ausschnitt
Was mich beim Thema Vergleichen besonders beschäftigt, ist, dass wir meistens nur die sichtbaren Teile eines Lebens miteinander vergleichen.
Wir sehen: den Job, die Wohnung, die Beziehung, das Geld, die Reisen, den Körper, die Erfolge.
Aber wir sehen selten: die Ängste, die Unsicherheiten, die familiären Probleme, die finanziellen Sorgen, die psychischen Belastungen, die Zweifel, die Dinge, über die niemand spricht.
Und manchmal reicht ein einziges ehrliches Gespräch, um zu merken: Oh. Du hast ja auch keine Ahnung.
Vielleicht sogar dieselben Ängste. Dieselben Zweifel. Dieselben Fragen.
Wir wissen es nur nicht, weil Menschen ziemlich gut darin sind, ihre Unsicherheit zu verstecken.
Vergleichen wird wahrscheinlich nie komplett verschwinden
Ich glaube nicht, dass wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem wir uns überhaupt nicht mehr vergleichen. Vielleicht gehört es einfach zum Menschsein. Und wahrscheinlich wird es durch unsere heutige digitale Welt noch verstärkt.
Wir bekommen ständig gezeigt, wie unser Leben aussehen könnte. Wenn wir nur genug arbeiten. Genug sparen. Genug investieren. Genug trainieren. Genug an uns arbeiten. Genug optimieren. Genug kaufen. Genug verändern.
Und natürlich gibt es eine ganze Industrie, die davon lebt, dass wir das Gefühl haben, noch nicht genug zu sein.
Deshalb glaube ich nicht, dass die Lösung darin liegt, den Vergleich komplett abzuschaffen. Vielleicht geht es vielmehr darum, ihn zu bemerken. Und dann zu entscheiden: Möchte ich diesem Vergleich überhaupt folgen?
Vielleicht ist „in meinem Tempo“ gar keine Ausrede
Manchmal klingt „Ich mache das in meinem eigenen Tempo“ ein bisschen wie eine Ausrede. Als würde man sich damit rechtfertigen, dass man nicht schnell genug ist.
Ich glaube inzwischen: Das muss es nicht sein. Es kann auch eine bewusste Entscheidung sein.
Ich darf langsamer sein. Ich darf Umwege machen. Ich darf Dinge später erreichen. Ich darf mein Leben anders planen als andere Menschen. Ich darf mich ausprobieren. Ich darf meine Meinung ändern. Und ich darf auch einfach mal irgendwo stehen, ohne sofort das nächste Ziel definieren zu müssen.
Denn vielleicht ist das Leben gar kein Wettrennen. Vielleicht gibt es überhaupt keine Ziellinie.
Was wäre, wenn wir uns weniger fragen würden, wo wir stehen?
Vielleicht sollten wir uns weniger fragen: „Bin ich schon so weit wie die anderen?“
Und stattdessen öfter: „Bin ich gerade da, wo ich sein möchte?“
Das sind zwei völlig unterschiedliche Fragen.
Die erste macht uns abhängig vom Leben anderer. Die zweite bringt uns zurück zu uns selbst.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus diesem ganzen Vergleichsthema mitnehme: Ich muss nicht das Tempo eines anderen Menschen übernehmen, nur weil es von außen beeindruckend aussieht.
Ich kenne deren Ausgangspunkt nicht. Ich kenne deren Leben nicht. Und vor allem: Ich bin nicht sie.
Ich bin ich. Mit meinem bisherigen Leben, meinen Erfahrungen, meinen Umwegen, meinen Voraussetzungen, meinen Stärken und meinen Baustellen.
Und wenn ich damit einigermaßen zufrieden bin, dann darf das auch reichen. Für heute. Für jetzt. In meinem Tempo.
Lass mal ehrlich sein.
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