Wann ist man eigentlich angekommen?

Ich sitze gerade auf meinem Sofa. Vor mir steht mein Bücherregal, das ich erst vor Kurzem komplett neu sortiert habe. Um mich herum ist meine Wohnung, die noch nicht ganz fertig ist, aber sich trotzdem schon nach Zuhause anfühlt.

Und genau deshalb nehme ich diese Podcastfolge auf.

Denn ich habe gerade ein Gefühl, das für mich ziemlich neu ist: Ich glaube, ich bin angekommen.

Zumindest ein bisschen. Und das ist für mich erstaunlicher, als es vielleicht klingt.

Mein neues „Projekt Home“

Vor ungefähr zwei Monaten bin ich umgezogen. Von einer WG in meine eigene Wohnung. Es ist nicht meine erste eigene Wohnung. Aber es fühlt sich ein bisschen so an.

Denn ich habe einen ziemlich großen Teil meines Erwachsenenlebens in WGs verbracht. Und irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr darauf. Nicht, weil die Menschen schlecht waren. Im Gegenteil.

Aber ich hatte irgendwann genug davon, mein Zuhause mit anderen Menschen teilen zu müssen. Wenn ich nach dem Sport nach Hause kam und duschen wollte, musste ich erst schauen, ob das Bad frei ist. Wenn ich morgens auf die Toilette musste, konnte es sein, dass jemand anderes gerade ewig dort saß.

Und irgendwann hatte ich das Gefühl, selbst ein bisschen zum klassischen WG-Geist zu werden: Ich wohne hier, aber eigentlich bin ich kaum sichtbar.

Ich hatte mich daran gewöhnt, nicht wirklich anzukommen. Und vielleicht war genau das der Punkt. Ich habe irgendwann angefangen, meine Umzugskartons nicht mehr vollständig auszupacken. Nicht aus Faulheit.

Sondern weil ein Teil von mir dachte: Vielleicht bin ich hier sowieso nicht lange.

Und wenn man so denkt, ist es natürlich ziemlich schwierig, sich irgendwo wirklich zu Hause zu fühlen. In meiner neuen Wohnung gibt es deshalb für mich ein kleines internes Projekt: Projekt Home.

Ich habe sogar in meinem Ausgabentracker eine eigene Kategorie dafür. Möbel, Deko, Dinge für die Wohnung – alles läuft unter „Projekt Home“.

Und nein, ich bin noch lange nicht fertig. Aber ich fühle mich trotzdem schon zu Hause. Und das ist für mich etwas ziemlich Besonderes.

Ich bin dreizehnmal umgezogen

Ich habe irgendwann einmal gezählt, wie oft ich in meinem Leben schon umgezogen bin. Es sind ungefähr dreizehn Mal. Und ich dachte lange, das sei völlig normal. Bis ich angefangen habe, anderen davon zu erzählen und die Reaktion meistens ungefähr so war: „Was?!“

Einige der Umzüge waren in meiner Kindheit und Jugend. Meine Eltern haben nie im Eigenheim gewohnt, sondern immer zur Miete. Durch Jobwechsel meines Vaters und zweimalige Eigenbedarfskündigungen mussten wir als Familie mehrfach umziehen. Und wer schon einmal versucht hat, mit drei Kindern, einem Hund und zwei Erwachsenen im Rhein-Main-Gebiet eine bezahlbare Wohnung zu finden, kann vielleicht nachvollziehen, was das bedeutet.

Später ging es dann einfach weiter. Während meines Bachelors habe ich eine Zeit lang in einer WG gewohnt. Danach bin ich richtig ausgezogen, hatte weitere WGs, habe zweimal mit Partnern zusammengelebt, mich getrennt und bin wieder umgezogen.

Irgendwann wurde das Wechseln fast zum Normalzustand. Und vielleicht habe ich deshalb irgendwann aufgehört, mich irgendwo wirklich einzurichten.

Zu Hause ist mehr als eine Wohnung

Dabei geht es mir gar nicht nur darum, alleine zu wohnen. Klar: Ich kann mich ausbreiten. Ich kann das Bad benutzen, wann ich möchte. Ich kann putzen, wann ich möchte. Ich muss mich über niemanden ärgern, der seine Sachen irgendwo liegen lässt – sondern höchstens über mich selbst.

Aber vor allem kann ich meine Umgebung so gestalten, wie sie mir gefällt. Ich liebe Einrichtung. Ich hatte sogar einmal ein Praktikum bei Schöner Wohnen – ein ziemlich random Ausreißer in meinem Lebenslauf, wenn man bedenkt, dass ich danach fast ausschließlich im Medizin- und Gesundheitsbereich gearbeitet habe.

Aber ich liebe es einfach, Räume zu gestalten. Nicht nur nach dem Motto: Sofa hier, Schrank da, fertig. Sondern so, dass ein Zuhause mit der Zeit entsteht. Mit Farben, die zusammenpassen. Mit Dingen, die eine Geschichte haben. Mit einem gewissen Cozy-Faktor. Und vor allem mit dem Gefühl: Hier lebt wirklich jemand.

Ich mag diese perfekten Pinterest-Wohnungen, die aussehen, als hätte noch nie jemand darin gelebt, deshalb nicht unbedingt.

Für mich darf es gemütlich sein. Persönlich. Ein bisschen chaotisch. Ein bisschen bunt. Einfach meins.

Mein Sofa ist inzwischen mein Lieblingsort

Ich sitze gerade auf meinem Lieblingsplatz. Meinem Sofa. Es ist olivgrün, aus Stoff und hat anfangs ein bisschen geglänzt, was mich kurz zweifeln ließ, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Mittlerweile liebe ich es.

Und hier nehme ich auch meine Podcastfolgen auf.

Das ist irgendwie ziemlich passend. Denn vorher habe ich einen Großteil meiner Freizeit im Bett verbracht. Wenn ich nicht am Schreibtisch saß, war ich meistens dort.

Jetzt gehe ich eigentlich nur noch zum Schlafen ins Bett.

Und ich liebe diese Trennung. Mein Bett ist zum Schlafen da. Mein Sofa ist zum Leben da.

Klingt vielleicht banal. Aber für mich fühlt sich das nach Luxus an.

Ich habe schon in einer riesigen Designerwohnung gewohnt – und mich trotzdem nicht zu Hause gefühlt

Und genau das hat mir noch einmal gezeigt: Zu Hause ist nicht automatisch dort, wo es schön ist.

Ich habe einmal in einer riesigen, sehr schicken Wohnung gewohnt. Alles war perfekt. Sehr groß. Sehr weiß. Sehr durchgestylt.

Und trotzdem habe ich mich dort nicht besonders wohlgefühlt. Im Nachhinein dachte ich manchmal: Ich habe mir einen goldenen Käfig geschaffen.

Denn eine Wohnung kann wunderschön sein und sich trotzdem nicht wie Zuhause anfühlen.

Und umgekehrt kann ein Ort vielleicht noch nicht perfekt sein und sich trotzdem genau richtig anfühlen. Das ist vielleicht der Unterschied zwischen schön wohnen und zu Hause sein.

Vielleicht können auch Menschen ein Zuhause sein

Ich habe mich lange gefragt, ob ich überhaupt so etwas wie ein örtliches Zuhause brauche. Vielleicht bin ich einfach ein Mensch, der gerne unterwegs ist. Vielleicht sind für mich Menschen das Zuhause.

Mein Freund war lange so ein Mensch für mich. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Das ist ziemlich viel Verantwortung für eine einzelne Person. Wenn ein Mensch dein Zuhause ist, hängt an dieser Beziehung plötzlich sehr viel.

Und ich finde es schön, dass ich heute sagen kann: Mein Freund kann mein Zuhause sein – aber er muss nicht mein einziges Zuhause sein.

Ich habe jetzt einen Ort, der mir gehört. Einen Rückzugsort. Einen Platz, an dem ich mich fallen lassen kann. Und dadurch liegt vielleicht auch ein bisschen weniger Druck auf meinen Beziehungen.

Aber natürlich können auch andere Menschen ein Zuhausegefühl geben. Meine Familie zum Beispiel. Meine Schwestern. Freundinnen, bei denen ich sofort merke: Hier kann ich einfach sein.

Ich glaube, dieses „sich fallen lassen können“ beschreibt ziemlich gut, was Zuhause für mich bedeutet. Zur Ruhe kommen. Aber auch mal völlig albern sein. Nicht funktionieren müssen. Nicht darüber nachdenken müssen, wie man gerade wirkt. Einfach sein.

Zum ersten Mal habe ich eine Stadt bewusst gewählt

Etwas anderes ist für mich gerade ebenfalls neu: Ich habe mich bewusst für den Ort entschieden, an dem ich leben möchte.

Viele meiner früheren Umzüge waren durch äußere Umstände bestimmt. Ein Jobwechsel. Eine Trennung. Eine Eigenbedarfskündigung. Irgendetwas passierte – und ich zog um.

Diesmal war es anders. Ich habe nicht gesagt: „Ich muss jetzt hierhin.“ Sondern: „Ich möchte hier sein.“

Obwohl ich dafür pendeln muss. Obwohl es vielleicht nicht die offensichtlichste Entscheidung ist.

Aber ich fühle mich in dieser Stadt wohl. Und deshalb bin ich froh, dass ich mich für sie entschieden habe.

Vielleicht ist auch das ein Teil von Ankommen: Nicht nur irgendwo zu landen. Sondern irgendwann selbst zu entscheiden, wo man eigentlich landen möchte.

Aber ist man jemals wirklich angekommen?

Und dann wird es kompliziert. Denn ich glaube nicht, dass Ankommen bedeutet, dass ab jetzt alles fertig ist.

Ich habe immer noch offene Punkte in meiner Wohnung. Ich wünsche mir noch ein paar Menschen in meiner direkten Umgebung, mit denen ich spontan einen Kaffee trinken oder kurz um die Ecke gehen kann. Ich möchte mich beruflich weiterentwickeln. Ich möchte lernen. Ich habe neue Ideen. Ich möchte Dinge ausprobieren. Ich habe definitiv weiterhin Hummeln im Hintern.

Und trotzdem fühle ich mich angekommen. Vielleicht widerspricht sich das gar nicht. Vielleicht ist Ankommen kein Endpunkt. Vielleicht ist Ankommen ein Zustand.

Man kann angekommen sein und sich trotzdem weiterentwickeln

Ich glaube, das ist für mich gerade eine ziemlich wichtige Erkenntnis.

Ankommen bedeutet nicht: Ich habe jetzt alles erreicht. Ich habe den perfekten Job. Die perfekte Wohnung. Die perfekte Beziehung. Den perfekten Lebensplan. Und jetzt kann ich mich zurücklehnen und sagen: So. Fertig.

Ich glaube, so funktioniert das Leben nicht. Und ich möchte auch gar nicht, dass es so funktioniert.

Ich bin ein Mensch, der neugierig ist. Ich möchte lernen. Ich möchte mich verändern. Ich möchte neue Dinge ausprobieren. Ich möchte nicht irgendwann sagen: „Jetzt habe ich meinen Masterabschluss, jetzt war es das.“ Natürlich nicht.

Und trotzdem darf ich gleichzeitig sagen: Ich bin gerade zufrieden mit dem, was ist. Das ist für mich ein großer Unterschied.

Vielleicht ist Ankommen nicht das Gegenteil von Veränderung

Ich habe während der Aufnahme einen Gedanken gehabt, der sich ein bisschen wie ein Kalenderspruch anhört, aber den ich trotzdem ziemlich schön finde: Vielleicht kann man auch in der Veränderung ankommen.

Denn vielleicht muss Ankommen gar nicht bedeuten, dass sich nichts mehr verändert. Vielleicht bedeutet es, dass man sich auch mitten in der Veränderung sicher genug fühlt. Dass man nicht ständig das Gefühl hat, irgendwo anders hin zu müssen. Dass man nicht permanent auf den nächsten Meilenstein wartet. Dass man sagen kann: Ich weiß nicht genau, was als Nächstes kommt. Aber ich bin okay damit.

Und vielleicht ist genau das Ankommen.

Mein alter Lebensplan ist übrigens auch nicht eingetreten

Das Spannende daran ist, dass ich mich gerade angekommen fühle, obwohl mein Leben überhaupt nicht so aussieht, wie ich es mir früher vorgestellt habe. In meiner ersten Podcastfolge habe ich schon darüber gesprochen, dass mein alter Lebensplan ziemlich über den Haufen geworfen wurde.

Die klassischen Dinge, die ich mir irgendwann einmal vorgestellt hatte, sind nicht einfach alle eingetreten. Und trotzdem sitze ich heute hier und denke: Eigentlich geht es mir gerade ziemlich gut.

Vielleicht sogar gerade deshalb. Denn vielleicht musste ich erst aufhören, einem bestimmten Bild von meinem Leben hinterherzulaufen, um überhaupt zu merken, wie mein eigenes Leben aussehen soll. Nicht das Leben, das ich dachte, haben zu müssen. Sondern das Leben, das sich für mich richtig anfühlt.

Ankommen darf sich auch leise anfühlen

Ich glaube, ich habe früher gedacht, dass große Lebensentscheidungen sich auch groß anfühlen müssen. Als müsste irgendwann dieser Moment kommen, in dem man denkt: Das ist es! Jetzt habe ich es geschafft!

Aber vielleicht ist Ankommen viel unspektakulärer. Vielleicht sitzt man einfach irgendwann auf seinem Sofa. Vor seinem Bücherregal. In seiner eigenen Wohnung. Und merkt: Ich möchte hier sein.

Kein Feuerwerk. Keine große Erkenntnis. Einfach Ruhe. Und gleichzeitig immer noch ein bisschen Hummeln im Hintern. Und vielleicht ist genau das die Kombination, nach der ich so lange gesucht habe.

Ich glaube, ich bin angekommen

Wenn ich mich heute frage: „Fühle ich mich angekommen?“ Dann ist meine Antwort tatsächlich: Ja.

Nicht, weil alles perfekt ist. Nicht, weil mein Leben fertig geplant wäre. Nicht, weil alle meine Wünsche erfüllt sind. Und auch nicht, weil ich jetzt plötzlich keine Veränderung mehr möchte.

Sondern weil ich gerade mit meinem Leben sein kann, wie es ist. Ich kann hier sitzen und denken: Das ist mein Zuhause. Und gleichzeitig darf ich morgen wieder eine neue Idee haben.

Ich darf mich weiterentwickeln. Ich darf Dinge verändern. Ich darf neue Menschen kennenlernen. Ich darf neue Orte entdecken. Ich darf meine Meinung ändern.

Vielleicht ist Ankommen deshalb gar kein Endpunkt. Vielleicht ist es ein Zustand. Ein Gefühl. Eine Art innere Haltung.

Und vielleicht kann man gleichzeitig angekommen sein und noch unterwegs.

Vielleicht ist genau das das Leben.

Lass mal ehrlich sein.

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