Ich bin 29. Und wenn man manchen Vorstellungen davon glaubt, wie das Leben mit Ende zwanzig aussehen sollte, müsste ich vermutlich deutlich weiter sein. Vielleicht verheiratet. Vielleicht mit Kind. Vielleicht im Eigenheim. Vielleicht mit einer steilen Karriere und einem Fünfjahresplan, der zumindest ungefähr verrät, wo es hingehen soll.
Stattdessen sitze ich in meiner neuen Wohnung, nehme alleine einen Podcast auf und frage mich zwischendurch: Was mache ich hier eigentlich? Und ehrlich gesagt: Ich finde das ziemlich gut.
Wir tun oft so, als hätten wir einen Plan
Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir ständig von Menschen umgeben sind, die ihr Leben komplett im Griff haben – vor allem online. Auf LinkedIn haben alle einen Plan. Sie machen Karriere, gründen Unternehmen, erreichen Meilensteine, feiern Erfolge und wissen offenbar ziemlich genau, wo sie hinwollen.
Und dann unterhält man sich mit denselben Menschen irgendwann privat und stellt fest: Überraschung – so genau wissen sie es meistens auch nicht.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Außen- und Innenwahrnehmung. Von außen sieht ein Lebenslauf oft ziemlich linear aus: Abitur → Studium → Auslandserfahrung → erster Job → Karriere → Beziehung → Hochzeit → Kinder → Haus
Und irgendwo dazwischen natürlich noch Selbstverwirklichung, Hobbys, Freundschaften, Reisen und bitte auch eine ausgewogene Work-Life-Balance.
Aber was passiert, wenn das eigene Leben nicht so aussieht? Oder wenn man diesen Weg gar nicht möchte?
Was ist eigentlich „erwachsen“?
Ich dachte früher, Erwachsene hätten einen Plan. Meine Eltern waren für mich irgendwann einfach diese großen, richtigen Erwachsenen. Menschen, die wussten, wie das Leben funktioniert.
Je älter ich selbst werde, desto mehr denke ich: Die hatten wahrscheinlich auch keine Ahnung.
Und vielleicht ist das eine der ernüchterndsten und gleichzeitig befreiendsten Erkenntnisse des Erwachsenwerdens.
Als meine Mutter so alt war wie ich heute, war sie mit mir schwanger. Ich sitze heute in meiner Wohnung und denke darüber nach, welche Podcastfolge ich als Nächstes aufnehmen möchte. Das sind zwei völlig unterschiedliche Lebensrealitäten. Und beide sind okay.
Ich glaube, wir müssen viel stärker akzeptieren, dass es nicht den einen richtigen Zeitpunkt für bestimmte Dinge gibt: Mit 30 muss man nicht verheiratet sein. Man muss keine Kinder haben. Man muss kein Haus besitzen. Man muss keine beeindruckende Karriere vorweisen können. Und man muss auch nicht wissen, was man mit 40 machen möchte.
Mein eigener Lebensplan ist ziemlich schnell veraltet
Ich hatte früher tatsächlich Listen. Mit bestimmten Altersstufen und bestimmten Meilensteinen. Mit 26 den Master fertig. Karriere. Familie. Und wahrscheinlich noch ein paar andere Dinge, die ich inzwischen gar nicht mehr so genau zusammenbekomme.
Dieser Plan ist ziemlich gründlich gescheitert. Und mittlerweile finde ich das gar nicht mehr schlimm. Denn vielleicht besteht Erwachsensein nicht darin, seinen ursprünglichen Lebensplan möglichst akkurat abzuarbeiten.
Vielleicht besteht es eher darin, irgendwann zu merken: Ich darf meinen Plan ändern.
Ich darf feststellen, dass etwas nicht zu mir passt. Ich darf eine andere Richtung einschlagen. Ich darf heute etwas wollen, was ich mit 23 noch komplett anders gesehen habe. Und ich darf auch einfach mal keine Ahnung haben.
Was will ich eigentlich?
Eine Frage, die ich mir lange erstaunlich wenig gestellt habe, ist: Was macht mir eigentlich Spaß?
Nicht: Was kann ich gut? Was sieht in meinem Lebenslauf gut aus? Was erwarten andere von mir? Was wäre vernünftig?
Sondern wirklich: Was macht mir Spaß?
Ich beschäftige mich gerade intensiver damit und arbeite dabei auch mit einer Mentorin zusammen. Denn ich glaube, dass wir häufig lernen, unsere Stärken zu optimieren, bevor wir überhaupt darüber nachdenken, ob wir das, worin wir gut sind, eigentlich gerne machen.
Aber Können und Freude sind nicht automatisch dasselbe. Und wenn ich einen großen Teil meines Lebens mit Arbeit verbringe, möchte ich nicht einfach nur funktionieren.
Ich möchte Dinge tun, bei denen ich die Zeit vergesse. Dinge, die mich interessieren. Dinge, bei denen ich mich kreativ austoben kann.
Und vielleicht ist genau das auch ein Teil dessen, was ich mit diesem Podcast herausfinden möchte.
Deshalb gibt es „Lass mal ehrlich sein“
Ich habe schon einmal einen Podcast gemacht – gemeinsam mit einer Freundin. Das Projekt hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Gleichzeitig war es organisatorisch schwierig, regelmäßig gemeinsam aufzunehmen. Irgendwann war klar: Dieses Projekt wird so nicht weitergeführt.
Aber der Wunsch, weiterzureden, Gedanken laut zu sortieren und mit Menschen über Dinge zu sprechen, die man vielleicht nicht beim ersten Kaffee erzählt, ist geblieben.
Also habe ich beschlossen, es alleine zu versuchen.
„Lass mal ehrlich sein“ ist deshalb kein Podcast, in dem ich euch erklären möchte, wie das Leben funktioniert.
Denn ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung.
Ich möchte keine Ratgeberin sein. Ich möchte Gedanken teilen. Erfahrungen. Fragen. Widersprüche. Dinge, für die ich selbst noch keine Antwort habe.
Es geht um Freundschaften, Beziehungen, Arbeit, Studium, Erwachsenwerden, Selbstfindung, mentale Gesundheit, gesellschaftliche Erwartungen und wahrscheinlich noch ungefähr hundert andere Dinge, die mir irgendwann durch den Kopf gehen.
Mal alleine. Mal mit Gästen.
Mal ernst. Mal völlig abgeschweift.
Und hoffentlich immer ein bisschen ehrlich.
Gedanken statt Ratgeber
Vielleicht ist genau das der Punkt, der mir dabei am wichtigsten ist: Ich möchte nicht so tun, als hätte ich das Leben verstanden. Ich möchte darüber sprechen, wie es sich anfühlt, es gerade herauszufinden.
Denn vielleicht sind wir damit gar nicht so alleine, wie wir denken. Vielleicht sitzen viel mehr Menschen irgendwo auf ihrem Sofa und fragen sich:
- Bin ich eigentlich auf dem richtigen Weg?
- Warum habe ich das Gefühl, alle anderen wissen, was sie tun?
- Bin ich schon zu spät?
- Will ich das wirklich – oder denke ich nur, dass ich es wollen sollte?
- Was macht mir eigentlich Spaß?
Und vielleicht gibt es auf all diese Fragen gar keine endgültigen Antworten. Vielleicht dürfen sie uns einfach eine Weile begleiten.
Ich möchte weniger zurück und mehr nach vorne schauen
Ich habe in meinem Leben Dinge erlebt, die ich heute anders machen würde. Natürlich. Wir alle haben vermutlich Situationen, die uns peinlich sind, Entscheidungen, die wir bereuen, oder Momente, in denen wir uns wünschen, anders reagiert zu haben.
Aber die Vergangenheit lässt sich nicht mehr verändern.
Man kann sich entschuldigen. Man kann daraus lernen. Man kann Dinge anders machen. Aber man kann nicht zurückgehen.
Und deshalb möchte ich immer weniger Zeit damit verbringen, mir auszumalen, was gewesen wäre, wenn. Ich möchte lieber schauen, was jetzt möglich ist. Denn genau hier passiert das Leben. Nicht in der Vergangenheit. Und auch nicht in dem perfekt geplanten Leben, das irgendwann einmal stattfinden soll. Sondern jetzt.
Vielleicht müssen wir nicht wissen, wo wir ankommen
Ich weiß nicht, wo mich dieser Podcast hinführt. Ich weiß nicht, wie er in einem Jahr aussehen wird. Ich weiß nicht, welche Themen mich noch beschäftigen werden oder welche Menschen ich kennenlernen werde.
Und irgendwie finde ich genau das schön.
Ich möchte ausprobieren. Ich möchte Gespräche führen. Ich möchte Fragen stellen. Ich möchte mich selbst dabei vielleicht ein bisschen besser kennenlernen. Und vor allem möchte ich aufhören, darauf zu warten, dass alles perfekt ist, bevor ich anfange.
Denn genau darum geht es bei dieser ersten Folge eigentlich auch. Anfangen, obwohl der Perfektionismus schreit.
Nicht alles wissen. Nicht alles können. Nicht den perfekten Plan haben. Einfach machen. Perfektionieren kann man später immer noch. Wenn man gar nichts macht, kann man schließlich auch nichts falsch machen.
Und deshalb sitze ich jetzt hier. Mit meinem Mikrofon. In meiner noch nicht ganz fertigen Wohnung. Ohne perfekte Vorbereitung. Und mit ziemlich viel Nervosität.
Aber mit einer Sache, die ich inzwischen ziemlich sicher weiß: Ich möchte das hier machen.
Und vielleicht reicht das für den Anfang.
Also: Lass mal ehrlich sein.
Wir haben keine Ahnung, was wir tun. Und vielleicht ist das völlig okay.
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