Warum sind Freundschaften als Erwachsene eigentlich so kompliziert?

Ich habe eigentlich gute Freundschaften. Menschen, die mir wichtig sind. Menschen, mit denen ich lachen kann, über schwierige Dinge sprechen kann und bei denen ich mich fallen lassen kann.

Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl: Irgendwie sind es zu wenige. Nicht unbedingt zu wenige Menschen. Sondern zu wenig Freundschaft im Alltag.

Mir fehlt manchmal diese eine Person, die ich spontan fragen kann: „Ich muss sowieso gerade zum Supermarkt. Kommst du mit?“ Oder: „Hast du heute Abend Lust, einfach bei mir auf der Couch zu sitzen?“

Und je älter ich werde, desto mehr frage ich mich: Warum ist genau das eigentlich so schwierig geworden?

Früher sind Freundschaften einfach passiert

Wenn ich darüber nachdenke, war Freundschaft früher erstaunlich unkompliziert. Schule. Studium. Ausbildung. Verein. Man war automatisch mit anderen Menschen zusammen. Jeden Tag.

Und dadurch sind Freundschaften fast nebenbei entstanden. Man musste nicht sagen: „Wir sollten uns unbedingt mal kennenlernen.“ Man kannte sich einfach. Man saß nebeneinander. Man ging gemeinsam nach Hause. Man verbrachte Pausen zusammen. Und irgendwann war man befreundet.

Als Erwachsene funktioniert das irgendwie nicht mehr ganz so einfach. Alle haben ihren eigenen Job. Ihre eigenen Beziehungen. Ihre eigenen Hobbys. Ihre eigenen Verpflichtungen. Und natürlich ihre eigenen Kalender.

Freundschaft mit Terminkalender

Ich glaube, eine der merkwürdigsten Erfindungen des Erwachsenseins ist deshalb dieser Satz: „Lass uns mal was machen!“

Und dann holt eine Person den Kalender heraus.

  • „Diese Woche geht nicht.“
  • „Nächste Woche bin ich unterwegs.“
  • „Übernächsten Dienstag könnte ich.“

Und plötzlich ist aus einem spontanen „Lass uns mal was machen“ ein Termin in drei Wochen geworden. Natürlich ist das völlig normal. Wir haben alle ein Leben.

Aber manchmal vermisse ich dieses Gefühl von: Ich sehe dich einfach, weil du da bist. Nicht, weil wir das drei Wochen vorher geplant haben.

Ich glaube, ich möchte gar nicht mehr Freundschaften

Das ist für mich inzwischen ein wichtiger Unterschied. Ich glaube nämlich gar nicht, dass ich unbedingt mehr Freundschaften brauche.

Ich möchte mehr Freundschaft im Alltag. Ich möchte Menschen in meiner Nähe. Eine Freundin, die relativ um die Ecke wohnt. Jemanden, den ich fragen kann, ob wir kurz einen Kaffee trinken. Oder zusammen einkaufen gehen. Oder einfach auf dem Sofa sitzen.

Und vielleicht klingt das nach einer Kleinigkeit. Für mich ist es das nicht. Denn genau diese kleinen, unspektakulären Momente machen für mich einen großen Teil von Freundschaft aus.

Neue Freundschaften als Erwachsene zu finden, ist eine eigene Disziplin

Und wenn man nicht zufällig im richtigen Umfeld landet, muss man Freundschaften plötzlich aktiv suchen.

Ich habe zum Beispiel Bumble for Friends ausprobiert. Und ich bin grundsätzlich ein Fan davon. Ich finde es eigentlich ziemlich cool, dass es heute Möglichkeiten gibt, Menschen kennenzulernen, die ebenfalls neue Freundschaften suchen.

Aber gleichzeitig fühlt es sich manchmal ein bisschen wie Dating an. Man schreibt. Man versteht sich gut. Dann wird nicht mehr geantwortet. Oder man trifft sich einmal und merkt: Irgendwie passt es doch nicht so richtig.

Und das ist ja völlig okay. Nicht jede Person, mit der man sich gut unterhalten kann, wird automatisch eine enge Freundin.

Aber tiefe Freundschaften entstehen eben nicht unbedingt nach einem Treffen. Manchmal muss man sich erst einmal kennenlernen. Warm werden. Gemeinsam Erfahrungen machen. Und genau dafür braucht es Zeit.

Meine Darmstadt-Mädels sind eigentlich das beste Beispiel

Während meines Studiums in Darmstadt hat das bei mir überraschend gut funktioniert. Eine Person aus Bumble for Friends hat angefangen, verschiedene Frauen zusammenzubringen. Und irgendwann entstand daraus eine richtige Gruppe. Heute gibt es diese Gruppe immer noch. Mehr als ein Jahr später. Aus ursprünglich fremden Menschen sind enge Freundinnen geworden. Und ich finde das ziemlich cool.

Genau so etwas wünsche ich mir auch für Mainz. Nicht unbedingt eine riesige Gruppe. Eigentlich sogar eher das Gegenteil. Ich fühle mich in großen Gruppen manchmal ein bisschen verloren. Ich bin lieber mit wenigen Menschen zusammen, mit denen es dafür richtig gut passt. Qualität vor Quantität.

Das gilt für mich auch bei Freundschaften.

Eine gute Freundschaft muss nicht immer gleich aussehen

Ich glaube außerdem, dass wir manchmal eine ziemlich starre Vorstellung davon haben, wie eine Freundschaft funktionieren sollte.

Als müsste eine gute Freundin immer da sein. Immer schreiben. Immer Zeit haben. Immer alles mitmachen.

Aber Menschen verändern sich. Lebensphasen verändern sich. Und damit verändern sich auch Freundschaften.

Manche Freundschaften sind vielleicht besonders wichtig in einer bestimmten Phase. Andere begleiten uns über Jahrzehnte. Manche werden intensiver. Manche werden lockerer. Und manchmal verschwindet der Kontakt für eine Weile, ohne dass die Freundschaft wirklich vorbei ist.

Ich habe selbst Freundschaften, die einmal sehr intensiv waren und irgendwann weniger Raum bekommen haben. Und später war der Kontakt wieder stärker. War die Freundschaft also „weg“? Oder war es einfach nur eine Phase? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Und vielleicht muss ich das auch gar nicht eindeutig beantworten.

Manchmal entwickeln wir uns einfach auseinander

Das habe ich besonders bei einem Klassentreffen gemerkt. Ich hatte plötzlich das Gefühl: Wir haben uns einfach sehr unterschiedlich entwickelt.

Ich bin inzwischen ein ziemlicher Stadtmensch geworden. Andere sind in ihrem Heimatort geblieben. Und das ist überhaupt nicht schlecht. Wenn jemand auf dem Land glücklich ist, ist das toll.

Aber vielleicht verbindet einen irgendwann einfach nicht mehr genug. Nicht, weil jemand etwas falsch gemacht hat. Sondern weil das eigene Leben in eine andere Richtung gegangen ist. Und eigentlich finde ich das sogar ziemlich schön. Denn dadurch habe ich gemerkt, wie sehr ich die Freundschaften schätze, die heute zu meinem Leben passen.

Freundschaft ist auch eine Beziehung

Ich finde es deshalb interessant, Freundschaften einmal genauso ernst zu nehmen wie andere Beziehungen. Denn letztlich ist eine Freundschaft auch eine Beziehung. Menschen verändern sich. Menschen entwickeln sich. Manchmal entwickeln sie sich gemeinsam weiter. Und manchmal eben auseinander.

Und natürlich kann auch eine Partnerschaft Einfluss darauf haben. Gerade am Anfang einer Beziehung ist es wahrscheinlich ziemlich normal, dass man am liebsten jede freie Minute mit der neuen Person verbringen möchte. Aber: Vergesst eure Freund:innen nicht.

Ich weiß selbst, dass das leichter gesagt als getan ist. Aber Freundschaften brauchen Pflege. Und manchmal muss man sich bewusst daran erinnern, dass es neben der romantischen Beziehung auch noch andere wichtige Beziehungen im eigenen Leben gibt.

Qualität bedeutet für mich: Ich kann mich fallen lassen

Wenn ich darüber nachdenke, was eine wirklich gute Freundschaft für mich ausmacht, lande ich immer wieder bei einem Wort: Fallen lassen.

Ich möchte mich nicht verstellen müssen. Ich möchte keine Rolle spielen. Ich möchte nicht ständig überlegen, wie ich gerade wirke.

Ich habe früher manchmal das Gefühl gehabt, ich müsste besonders lustig sein. Den Clown spielen. Die Stimmung hochhalten. Und natürlich darf ich albern sein. Ich liebe es sogar, komplett bekloppt zu sein.

Aber der Unterschied ist: Ich möchte es nicht müssen. Ich möchte auch still sein können. Über schwierige Dinge sprechen können. Sagen können, wenn mich etwas verletzt. Oder einfach fünf Minuten völligen Quatsch erzählen.

Und die andere Person denkt nicht: „Was stimmt denn mit der nicht?“ Sondern: „Ja. Das ist halt sie.“

Gute Freundschaft ist keine Therapiesitzung

Was für mich außerdem dazugehört: Interesse. Echtes Interesse am Leben der anderen Person.

Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ein Treffen nur daraus besteht, dass eine Person erzählt und die andere zuhört. Es soll beidseitig sein. Fragen stellen. Zuhören. Erzählen. Sich gegenseitig bereichern. Nicht als Therapiesitzung. Sondern als Beziehung zwischen zwei Menschen.

Und genau darin sehe ich auch eine Parallele zu Partnerschaften: Man muss nicht ständig performen. Man darf ehrlich sein. Und man darf schwierige Dinge ansprechen.

Einsamkeit trotz Freundeskreis

Ein Thema, das ich in diesem Zusammenhang besonders spannend finde, ist: Kann man sich einsam fühlen, obwohl man viele Freund hat? Ich glaube: Ja.

Denn Freundschaften auf dem Papier und echte Verbundenheit sind nicht unbedingt dasselbe. Du kannst viele Menschen kennen und dich trotzdem fühlen, als würdest du nirgendwo richtig dazugehören. Oder du kannst einen großen Freundeskreis haben und trotzdem genau eine bestimmte Person vermissen. Nicht einfach irgendeinen Menschen. Sondern diesen einen Menschen.

Das finde ich einen wichtigen Unterschied. Denn manchmal suchen wir Nähe, weil wir uns einsam fühlen. Und manchmal wollen wir nicht einfach nicht allein sein. Wir wollen mit einer ganz bestimmten Person zusammen sein.

Alleinsein musste ich übrigens auch erst lernen

Und ich glaube, das gehört genauso dazu. Denn wenn man sich selbst nicht gut aushalten kann, kann Freundschaft schnell zu einem Mittel gegen Einsamkeit werden.

Ich musste lernen, auch alleine sein zu können. Mich selbst zu beschäftigen. Zeit mit mir zu verbringen. Und mich dabei nicht automatisch schlecht zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass ich keine Menschen brauche. Natürlich brauche ich Menschen.

Aber ich glaube, Freundschaften fühlen sich noch einmal anders an, wenn man nicht ständig versucht, mit ihnen eine innere Leere zu stopfen. Dann geht es weniger um: „Bitte lass mich nicht allein sein.“ Und mehr um: „Ich möchte genau dich in meinem Leben haben.“

Ich wünsche mir mehr Couch-Freundschaften

Und vielleicht ist das am Ende genau das, was mir gerade fehlt. Nicht mehr große Events. Nicht ständig irgendwo hingehen. Nicht noch mehr Termine.

Sondern mehr kleine Momente. Eine Freundin, die einfach vorbeikommt. Gemeinsam auf der Couch sitzen. Kaffee trinken. Nichts Besonderes machen. Sich nicht extra schick machen. Nicht vorher drei Wochen planen müssen. Einfach da sein.

Ich hatte das am Wochenende tatsächlich mit einer sehr guten Freundin. Wir haben uns bei mir zu Hause getroffen. Und obwohl das eigentlich nichts Besonderes war, hat es sich irgendwie besonders angefühlt.

Vielleicht, weil wir das so selten machen. Vielleicht, weil man sich zu Hause noch einmal anders fallen lassen kann.

Und da war er wieder: Dieser Unterschied zwischen Freundschaft haben und Freundschaft im Alltag leben.

Vielleicht sind Freundschaften gar nicht schwieriger geworden

Vielleicht ist das am Ende auch mein eigentlicher Gedanke.

Vielleicht sind Freundschaften als Erwachsene gar nicht grundsätzlich schwieriger. Vielleicht müssen wir sie einfach bewusster gestalten.

Früher sind wir automatisch mit Menschen zusammengekommen. Heute müssen wir diese Räume manchmal selbst schaffen. Wir müssen Menschen ansprechen. Neue Gruppen ausprobieren. Nach einer Nummer fragen. Ein Treffen initiieren. Sagen, was wir uns wünschen.

Und manchmal bedeutet das auch, ein bisschen über den eigenen Schatten zu springen. Ich war zum Beispiel einmal bei einem Girls Walk in Mainz. Man trifft sich dort mit fremden Menschen und geht gemeinsam spazieren. Ich fand die Leute richtig cool. Und was habe ich gemacht? Natürlich nicht nach einer Telefonnummer gefragt. Natürlich.

Vielleicht ist Freundschaft als Erwachsene deshalb manchmal auch ein bisschen Mutarbeit.

Und vielleicht sollten wir öfter sagen, was wir uns wünschen

Ich glaube, das ist ein Punkt, den ich selbst noch lernen darf. Wenn ich mir mehr Alltag mit meinen Freundinnen wünsche, kann ich das schließlich auch sagen. Nicht als Vorwurf. Sondern als Einladung.

  • „Ich hätte Lust, dich öfter einfach so zu sehen.“
  • „Lass uns doch mal einen Abend bei mir zu Hause verbringen.“
  • „Wenn du sowieso einkaufen gehst, sag Bescheid.“

Vielleicht ist es manchmal wirklich so einfach. Oder zumindest einfacher, als darauf zu warten, dass jemand anderes den ersten Schritt macht.

Denn Freundschaft entsteht nicht nur dadurch, dass wir Menschen finden, die zu uns passen. Sie entsteht auch dadurch, dass wir uns gegenseitig Raum in unserem Leben geben.

Vielleicht brauche ich gar nicht mehr Freund:innen

Ich glaube, ich bin mit meinen Freundschaften eigentlich ziemlich zufrieden. Ich habe Menschen, die mir wichtig sind. Ich habe tiefe Verbindungen. Ich habe Freundinnen, mit denen ich über alles Mögliche sprechen kann.

Und trotzdem darf ich mir wünschen, dass Freundschaft wieder ein bisschen mehr Teil meines Alltags wird.

Vielleicht brauche ich gar nicht mehr Menschen. Vielleicht brauche ich einfach mehr Nähe.

Mehr spontane Kaffee. Mehr „Komm kurz vorbei“. Mehr Couch. Mehr gemeinsames Einkaufen. Mehr Alltag.

Und vielleicht ist genau das die Art von Freundschaft, die ich gerade suche. Nicht unbedingt eine größere Gruppe. Sondern ein bisschen mehr Leben miteinander.

Denn vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung am Erwachsensein: Wir haben plötzlich die Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten. Aber wir müssen eben auch selbst dafür sorgen, dass die Menschen darin einen Platz bekommen.

Und vielleicht ist Freundschaft deshalb nicht weniger wichtig geworden. Sondern einfach bewusster.

Lass mal ehrlich sein.

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