Girl on train

Es ist kurz vor neun an einem kalten Abend im November.
Ich spiele Sudoku auf meinem Handy, als ein Kontrolleur mein Abteil des ICEs erreicht. Ich wechsle zur App der Deutschen Bahn und zeige ihm mein Ticket. Kurz darauf bin ich wieder in mein Spiel versunken. „Viel schwerer als das letzte“, denke ich noch, als sich jemand auf dem Platz neben mir niederlässt.

Ich mache ein wenig Platz und gebe das Spiel auf. Nun konzentriere ich mich wieder voll und ganz auf die Musik, die wahllos aus den Kopfhörern in meine Ohren dringt. Zwischen Rihannas „Shut up and drive“ und Green Days „American Idiot“ schaue ich gedankenverloren aus dem zerkratzten Fenster der Bahn. Draußen ist nicht mehr zu erkennen als eine schwarze Masse. Durch die Spiegelung des Fensters sehe ich, wie die Person neben mir eine Dose Bier aus ihrem Rucksack holt und vorsichtig öffnet.

Nach zwanzig Minuten erscheint wieder ein Kontrolleur im Abteil. Es ist der gleiche wie zuvor. Als er meine Sitzreihe erreicht, signalisiere ich ihm, dass er mich schon kontrolliert hat. Er nickt.

Plötzlich erwacht die Person neben mir aus ihrer Trance: Ein Grinsen erscheint auf dem Gesicht des jungen Mannes und ich höre wie er zum Kontrolleur sagt: „Sie werden ja wohl nicht vergessen haben, dass sie so eine schöne Frau bereits kontrolliert haben.“ Wie mein Gesicht in diesem Moment aussieht kann ich nicht sagen. Kleiner Spoiler an dieser Stelle: Begeisterung sieht vermutlich anders aus. Ich warte auf die Reaktion des Kontrolleurs. Er zieht eine Augenbraue nach oben und mustert den Mann neben mir. Ich erwarte einen Konter, doch alles was von ihm kommt: „Die schöne Frau war vorhin auch noch allein. Schöne Weiterfahrt. Vielleicht ja auch zu zweit?“ (Hier Zwinkersmilie einfügen)

Ich kann mein Glück kaum fassen.

Ich schäme mich in Grund und Boden vor den anderen Fahrgästen und setze den Hörer mit einer schnellen Bewegung wieder ein, um einem möglichen Gespräch mit meinem ungewollten Beifahrer zu entgehen. Dies gelingt für fünf Minuten. Nun macht der Gute Anstalten, mit mir zu sprechen. Widerwillig nehme ich den Hörer ein weiteres Mal aus meinem Ohr. Gute Erziehung und so, danke Mama.

Ich drehe mich langsam zu ihm um. Erneut erscheint ein Grinsen auf seinem Gesicht und ich mustere ihn nun zum ersten Mal: Mitte dreißig, mehr Bart als Haar – und dieses Grinsen, bei dem ich mich frage, ob er bei Sudoku an ein japanisches Essen denkt. „Hätte ich gewusst, dass wir heute hier zusammen in der Bahn sitzen, hätte ich wohl noch einen Piccolo mitgebracht!“ AAAAAH, Piccolo! Interessant. Ich bin höchst angestrengt in dem Zwiespalt zwischen Lach- und Heulkrampf und entgegne ein: „Na siehste mal.“

Ich wende mich ab und mit einem Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass ich in dieser Situation noch mindestens zehn Minuten gefangen bin. Ob ich denn auch nach Marburg unterwegs bin, will er nun wissen. „Nein.“, und nach einem kurzen Moment Stille und nervösem Räuspern meinerseits: „Ich muss auch gleich raus.“ Oder darf, denke ich mir an dieser Stelle noch. Sein bedröppeltes Gesicht bei meiner Antwort lässt mich aufatmen: Er hat wohl verstanden, dass ich nur wenig Lust auf eine heiße Bahnfahrt mit ihm habe.

Ich bin todmüde und sehe vermutlich auch genauso aus, als ich nach insgesamt drei Stunden aus der Bahn haste und mich frage: Kann man irgendwo günstige Fake-Eheringe kaufen?

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