„Man denkt irgendwann wirklich, dass man nicht normal ist“

Meike,19, Schülerin hat seit über zehn Jahren mit Schuppenflechte zu kämpfen. Ich habe mit ihr über ihre Krankheit geredet. Wie sich diese äußert und was das Ganze mit Ausgrenzung zu tun hat, erfahrt ihr jetzt.

„Angefangen hat die Schuppenflechte bei mir im Kindesalter von 6/7 Jahren. Damals waren es nur komische rote Flecken an Händen und im Gesicht. Es hat sich aber schnell ausgebreitet, sodass es auch an den Fußsohlen und auf der Kopfhaut stark geschuppt hat. Es hat höllisch gejuckt, ich hab‘s immer wieder an allen Stellen aufgekratzt bis es offen war und geblutet hat. Teilweise wirklich so schlimm, dass Kratzen mit den Nägeln nichts mehr gebracht hat und ich mit der Innenseite der Schere gekratzt habe. So mit 12 ging es von den Armen bis in die Armbeuge mit wirklich schlimm geschuppter Haut. Das Schlimmste an der ganzen Geschichte waren zur eh schon bestehenden psychischen Belastung durchs Jucken, dass die Eltern ihren Kindern teilweise Kontaktverbot zu mir ausgesprochen haben aus Angst und Ekel, dass es ansteckend wäre. Ich wurde oft komisch angesehen und ignoriert. Mittlerweile habe ich die Krankheit soweit in den Griff bekommen, dass ich es nur noch bei kaltem Wetter an der Handinnenfläche leicht habe, die anderen Stellen sind komplett weg.

Ich bin nicht sofort zum Arzt gegangen, erst ein Jahr später circa als es überall rot wurde. Ich war während der ganzen Krankengeschichte bei ca. 35 Ärzten, der erste Arzt sowie circa 31 weitere haben das einfach als trockene Haut abgetan und gesagt ich solle es mit Handcreme aus der Drogerie eincremen. Erst mit ca. 14/15 haben es zwei Ärzte als Schuppenflechte erkannt und probiert es mit verschiedenen Mitteln wie Lasern zu bekämpfen – was aber nicht funktioniert hat.

Ich habe außerdem wahnsinnig viele homöopathische Mittel probiert. Was letztendlich geholfen hat weiß ich gar nicht, vor drei Jahren ca. wurde es auf einmal besser ohne dass ich irgendwas gemacht habe. Ich denke, dass das auch was mit der Psyche zu tun hat. Ich habe angefangen mich damit abzufinden und ab dem Punkt wurde es besser durch den ausbleibenden Stress.

Ich bin irgendwann nicht mehr zum Arzt gegangen und hab die Zeit anderweitig und sinnvoller genutzt. So ca. ein halbes Jahr nachdem der letzte Arztbesuch war wurde es besser und ging letztendlich komplett weg.

Durch das ständige Jucken habe ich mich oft selber eingeschränkt in Aktivitäten, habe weniger mit Freunden gemacht, weil ich mich komisch gefühlt hätte, mich vor ihnen die ganze Zeit zu kratzen. Dadurch habe ich eine Zeit lang relativ isoliert gelebt. Natürlich aber auch, weil viele Leute mich komisch angesehen haben und mich als „eklig“ betitelt haben und weil eben vielen nicht klar ist, dass Schuppenflechte nicht ansteckend ist und alle Angst davor hatten, sie würden das dann auch bekommen. Dass Kinder untereinander grausam sein können, weiß man ja. Was mich aber viel mehr getroffen hat, war, dass auch die Eltern ihren Kindern eingeredet haben, sie dürften nicht mit mir spielen. Dass es wirklich erwachsene Menschen gibt, die ihre Kinder zu sowas anstiften. Als Kind versteht man ja sowas nicht, da fängt man irgendwann an, das selbst zu glauben, dass etwas mit einem nicht stimmt.

Als Kind kann man nicht so gut zwischen Wahrheit und dummen Menschen – wie die Eltern, die ihren Kindern den Kontakt zu mir verboten haben –  differenzieren und denkt dann eben irgendwann wirklich, dass man nicht „normal“ sei und etwas mit einem nicht stimme. Dadurch hab ich mich teilweise sehr zurückgezogen, hatte nicht viele Freunde und hab als Kind oft nachts geweint. Das wurde aber alles besser als meine Familie (ich war 10) berufsbedingt meines Vaters in eine andere Stadt 600 km weg gezogen sind. Da hatte ich als ich aufs Gymnasium gegangen bin so ein kleines Schlüsselerlebnis was irgendwie alles besser gemacht hat. Ich habe mehrere Freunde gefunden und die Eltern von einer wollten ihr ebenfalls den Kontakt verbieten beziehungsweise haben immer schlecht bei ihr über mich geredet. In einer Schulpause hat diese Freundin dann meine Hände genommen, über die Schuppenflechte gestrichen und gesagt: ‚Es ist mir egal, was alle anderen deshalb über mich sagen. Ich habe dich trotzdem lieb und lasse mir das von niemandem verbieten.‘ Das ist dann halt das Gegenteil der grausamen Kinder und ein Satz und eine Geste, an die ich mich vermutlich immer erinnern werde.

Es ist wichtig, sich nicht beeinflussen zu lassen von anderen Leuten, die einen als „eklig“ oder dergleichen bezeichnen. Sich keinen psychischen Druck deswegen zu machen, sich einfach mit der Krankheit arrangieren und auch nicht zu tausend Ärzten zu rennen von denen die meisten eh nur Blödsinn reden. Wenn meine „Theorie“ stimmt, dann legt sich das irgendwann von selbst sobald man sich keinen Druck mehr macht. Trotz Schuppenflechte sind wir alle normale Menschen und nicht schlechter als andere.“

5 Gedanken zu „„Man denkt irgendwann wirklich, dass man nicht normal ist“

  1. Oh du arme… wie gut, dass es einfach so besser geworden ist. Ich habe einige Bekannte bei denen eine Ernährungsumstellung und eine Kur zur Entgiftung das Problem gelöst haben. Leider empfehlen Ärzte sowas nicht an erster Stelle… Liebe Grüße und alles Gute!

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  2. Ich habe es seit 21 Jahren und kann mich immer noch nicht damit arrangieren. Meinen Kindern zuliebe überwinde ich mich immer ins Schwimmbad zu gehen aber die Blicke und Sprüche…
    Oder im Sommer mit kurzen Sachen…
    Und dennoch sage ich mir immer wieder: es gibt schlimmeres als das.

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    1. Liebe Verena,
      Ich bin Meike, aus dem Interview. Ich kann dich sehr gut verstehen und weiß auch sehr gut, wie viel Überwindung so etwas kostet. Aber bedenke bitte, dass die schuppenflechte nichts ist, wofür du dich schämen musst. Und ja, es stimmt, dass es schlimmeres gibt, aber trotzdem darfst du darunter leiden. Du darfst es dir nur nicht zu schwer mit dir selber machen. Sei nicht zu kritisch mit dir selber, wir haben uns die Krankheit alle nicht ausgesucht, du kannst da nichts dafür. Schäme dich nicht dafür und werd dir deiner anderen Stärken und Schönheiten bewusst und genieße Schwimmbadbesuche. Versuch es auszublenden, irgendwann klappts. Trotzdem alles Gute weiterhin & stark bleiben!

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  3. Auch wieder ein sehr interessanter Beitrag. Es ist ja wirklich oft der Fall, je mehr man sich psychisch unter Druck setzt, umso schlimmer äußern sich solche Krankheiten… aber die Gelassenheit zu finden, damit einfach umzugehen und dann klingt es von alleine ab, muss man natürlich erstmal schaffen.

    Liebe Grüße, Mona

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