Frankfurter Römer mit Regenbogenflagge

Love is in the air | CSD Frankfurt

Tausende Mitglieder der queeren Szene feierten am Christopher Street Day unter dem Motto “Meine Identität ist nicht verhandelbar”. Ein Wochenende voller Vielfalt und Liebe?

Sie stehen vor dem MyZeil-Gebäude und starren in ihre Smartphones, als der junge Mann in Basecap plötzlich aufschaut. Irgendetwas in seinem Handy scheint sein Interesse geweckt zu haben. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht ruft er seiner Freundin neben sich zu: „Echt heute ist CSD?“. Die Antwort spielt sich zwei Straßen weiter ab. Dort tummeln sich Menschen an der Straße und auf Umzugswägen und tanzen ausgelassen zu dem Wechsel aus EDM Songs und schnulzigen Liebesliedern. Der laute Musikmix lockt auch unbeteiligte Passanten an, die den einen oder anderen scheuen Blick auf die bunte Menschentraube wagen.

Und bunt ist heute die ganze Stadt: Ob als Schminke im Gesicht, Fahne um den Körper oder Streifen auf den Socken. Überall die Farbkombination Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett – die Farben des Regenbogens. Wer nicht weiß, was heute los ist, guckt blöd beim eher unüblichen Anblick von Männern in Hotpants, oberkörperfrei oder mit pinkfarbenen Shirts. Im Gesicht Glitzer. Hin und wieder überragt eine Person die anderen. Beim genaueren Hinsehen ist es oft eine Dragqueen mit auffälligem Makeup, pompöser Perücke und Highheels, die wirklich high sind und sich mit den umliegenden Wolkenkratzern messen.

Das Versteckspiel ist vorbei

Die Anhänger der LGBTI* Bewegung lassen es ordentlich krachen. Dieses Wochenende gehört ihnen, endlich können sie sich zeigen wie sie wirklich sind. Die Straßen sind voll von glücklichen Paaren. Und nicht wie sonst nur der typischen Mann-Frau-Konstellation. Nein. Männer im Arm von Männern. Frauen, die sich verliebte Blicke zuwerfen. Frauen an Seite ihrer Männer in Frauenkleidung. So viel Vielfalt ist selten auf einem Haufen zu sehen.

Eine junge Frau mit blondem Kurzhaarschnitt läuft zielstrebig auf eine Gruppe anderer Frauen zu. Mit den Worten “You’re gorgeous” gibt sie ihrer Auserwählten einen Kuss auf den roten Lippenstiftmund. Dann zieht sie weiter und richtet ihre Beachtung wieder auf den Plastikbecher in der einen und die Zigarette in der anderen Hand. Ein weiterer Jugendlicher trägt ein Schild aus Pappe um seinen Hals. Die Worte “Free Hugs” in Großbuchstaben mit Edding verraten: Auch er ist in Kuschellaune.

Schattenseiten des Regenbogens

Doch nicht alles ist happy, happy, Sonnenschein. Neben dem Wetter betrüben auch Obdachlose und Bettler die sonst ausgelassene Stimmung. Feste räumen eben doch nicht plötzlich alle Probleme vom Tisch. Eine alte Frau läuft schreiend durch die Innenstadt und hat ihre ganz eigene Erklärung: “Die Juden sind an allem Schuld, sie haben unsere Kinder vergewaltigt!”.

Und auch zwei Stunden Umzug hinterlassen Spuren: Der Boden gleicht einem Teppich aus Konfetti, Glitzer und Girlanden. Eine Gruppe Partywütiger an der Rewe Supermarktkasse sorgt für schlechte Stimmung, als selbst nach wiederholter Aufforderung der Angestellten ein lautes „Däpp, Däpp, Däpp, Johnny Däpp, Däpp“ aus ihrem Bluetoothlautsprecher dröhnt. Eines der Pridegirls beschwert sich am Getränkekühlschrank zudem lautstark über den schlechten Service: „Boah die sind ja alle voll warm hier!“

 

Das Schauspiel Frankfurt mit bunten Plakaten
Auch das sonst eher minimalistische Schauspiel zeigt sich von seiner bunten Seite.

Ansonsten herrscht eine ausgelassene Stimmung – ohne Beschwerden. Nach dem Umzug, heizen DJs und Gesangskünstler auf verschiedenen Bühnen den Feierfreudigen ein. Außerdem im Programm: Comedy, Karaoke, Poetry Slam. Und auch das legendäre Stöckelschuhwettrennen darf nicht fehlen, geschweige denn dem Partyangebot am Abend. Doch auch ernste Themen finden Beachtung, sei es in Form politischer Diskussionsrunden oder der Schweigeminute für alle AIDS-Verstorbenen.

Spezielle Infostände informieren und helfen bei Problemen, die beispielsweise durch Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben immer noch vorhanden sind. Inwiefern die gesamte Veranstaltung der Akzeptanz in der Gesellschaft zugute kommt, lässt sich nicht sagen. Doch zumindest heute sehen die Menschen frei und unbeschwert aus. 

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